Labelliste unter der Startseite

Start-Button

Montag, 12. März 2018

Vorzeige-Windrad zerlegt


Fragen und Kritik nach der Havarie einer neu gebauten Enercon E-115

 Von Bernhard Liedmann / WV v. Seite 12 v. 10.03.2018
Etteln(WV). Einen Großeinsatz der Polizei löste die Havarie einer Windkraftanlage bei Etteln am Donnerstagabend aus. Teile der tonnenschweren Flügel einer Enercon E-115 flogen bis zu einige hundert Meter auf die Feldflur. Großräumig wurde im Umkreis der Anlage das Areal in einem Radius von 500 Metern abgesperrt.
Als erste Reaktion fordert Borchens Bürgermeister Reiner Allerdissen einen Baustopp sowie einen Betriebsstopp für solche Anlagen. Der Kreis Paderborn sieht für eine Stilllegung keinen Anlass, da die Ursache noch nicht bekannt sei, die Anlage auch noch nicht abgenommen und in Betrieb gewesen sei. Derzeit sind im Kreis Paderborn 44 Anlagen dieses Typs in Betrieb, zwei E-115 hat jüngst auch der Kreis Paderborn auf der Deponie Alte Schanze in Betrieb genommen.
Gegen 19.30 Uhr erfolgte die Alarmierung der Polizei. Sie riegelte das Areal beim Höhen- und Talweg in Etteln großräumig ab. Die klare Order an die Einsatzkräfte war, dass aufgrund von herumfliegenden Flügelteilen eine Lebensgefahr bestehe. Personen kamen bei dem Unfall glücklicherweise nicht zu Schaden, ein Gutachter klärt mögliche Ursachen.
Die E-115 ist das aktuelle Flaggschiff von Enercon. Weltweit laufen derzeit 820 Anlagen des Typs mit einer Gesamthöhe von 206 Metern. Jeder Flügel hat eine Länge von 57 Metern. Allein das Gewicht der Maschine auf dem Turm beträgt etwa 270 Tonnen.
Die Anlage war von Enercon gerade gebaut worden und sollte am 31. März an die Westfalenwind Etteln übergeben werden, um in Betrieb zu gehen. Die Westfalenwind-Gruppe betreibt aktuell elf dieser Anlagen und baut insgesamt sieben E-115 bei Etteln.
Enercon geht in einer Presseerklärung davon aus, dass die Anlage, die noch nicht in Betrieb gewesen sei, in eine »Überdrehzahl geraten« und es so zu Beschädigungen der Rotorblätter gekommen sei. Nach Auskunft von Enercon-Pressesprecher Felix Rehwald dreht sich eine solche Anlage mit drei bis zwölf Umdrehungen pro Minute. Bei kritischen Windgeschwindigkeiten würden die Rotorblätter aus dem Wind gedreht. Dies sei hier wohl nicht geschehen. Rehwald: »Nach Abschluss der Ermittlungen soll die beschädigte Anlage schnellstmöglich repariert und in Betrieb genommen werden.« Ähnliche Vorfälle habe es in der Vergangenheit zwar bei anderen Anlagen gegeben, bei einer E-115 jedoch noch nicht.
Gerade vor dem Hintergrund, dass es sich um eine neue Anlage handelt, die gerade erst aufgerichtet worden sei, fordert der Borchener Bürgermeister einen Baustopp »bis zur Klärung der Unfallursache und wegen der offensichtlichen Gefahr.« Allerdissen sprach am Freitag vor Ort von einem »großen Schadensbild«.
Unmittelbare Konsequenzen fordert auch die Borchener Bürgerinitiative Gegenwind. Nur durch viel Glück sei niemand zu Schaden gekommen. Kritisiert wird insbesondere, dass die Polizei erst durch einen Jagdpächter alarmiert worden sei und nicht durch den Betreiber. Borchener Bürger lehnten auch aus Gründen der Sicherheit Windkraftanlagen ab. Auch in diesem Fall seien Trümmer mehrere hundert Meter weit geschleudert worden. Die Initiative fordert eine vollständige und transparente Aufklärung der Bürger und wie es dazu kommen könne »dass sich ein neues Windrad zerlegt.« Auch der Gefahrenbereich rund um solche 200 Meter hohen Anlagen müsse neu geprüft werden, so Patrick Büker für die Initiative.
Westfalenwind verweist bei dieser Anlage darauf, dass sie wie auch die anderen Anlagen im Bereich Etteln noch im Eigentum von Enercon seien. Derzeit betreibt die Gruppe elf E-115-Räder, darunter zwei im Windpark Haaren-Leiberg, fünf im Windpark Huser Klee und vier im Windpark Kittelbusch. Sie liefen ohne Probleme. Den Schaden bei der Ettelner Anlage konnte Enercon noch nicht beziffern. Der durchschnittliche Neuwert eines solchen Rades liege bei etwa drei Millionen Euro, so das Unternehmen. Den letzten ähnlichen Vorfall hatte es im Mai 2016 bei Dörenhagen gegeben. Aufgrund eines Tornados waren Flügelteile einer älteren Tacke-Anlage abgerissen und weiträumig weggeschleudert worden.

 Siehe auch hier diesen Link:

http://gegenwind-borchen.de/windrad-havarie-neue-200m-windkraftanlage-in-borchen-voellig-zerfetzt 

Der Windwahnsinn geht weiter


Windland OWL

Nirgendwo in NRW stehen so viele Anlagen – Vergütung sinkt

Seite 29 / Freitag 09.März 2018

Detmold (WB). In OWL steht ein Viertel (26 Prozent) aller Windräder in NRW, sie stellen 27 Prozent der landesweit installierten Gesamtleistung bereit. Das belegt die gestern veröffentlichte Bilanz der Bezirksregierung Detmold. Die Behörde rechnet mit einem weiteren Ausbau.
Zum Stichtag 1. Januar standen 953 Windenergieanlagen (WEA) mit einer Leistung von 1456 Megawatt in der Region. Mehr als die Hälfte der Windräder drehen sich im Kreis Paderborn: Die 489 Anlagen erzeugen etwa 61 Prozent der in OWL installierten Gesamtleistung. Es folgen die Kreise Höxter (19 Prozent WEA / 16 Prozent Gesamtleistung) und Lippe (13 Prozent WEA / 11 Prozent Gesamtleistung). »Für OWL ist auch weiterhin mit einem Zubau von Windrädern und vor allem von neu installierter Windenergieleistung zu rechnen«, sagt Michael Ganninger von der Bezirksregierung. Es geht vor allem um Kapazitätssteigerungen pro Windrad, das sogenannte Repowering. Viele in den 1990er Jahren aufgestellte Rotoren seien jetzt abgeschrieben, würden durch deutlich leistungsstärkere ersetzt.
Und auch die Kommunen sind rege: Laut Bezirksregierung bereiten aktuell zwölf Kommunen die Überarbeitung ihrer Bauleitung zur Ausweisung von Windkraftflächen vor, 23 befänden sich im Planungsprozess. 22 Kommunen hätten ihre Überarbeitung bereits abgeschlossen, sechs verfolgten diese allerdings nicht weiter. 63 der 70 Städte und Gemeinden in Ostwestfalen-Lippe hatten ursprünglich geplant, ihre bestehenden Pläne zu überarbeiten.
Statistisch ist die Zahl der Windräder in OWL 2017 eigentlich gesunken: 2016 zählte die Behörde noch 1060 Anlagen mit eine Leistung von 1575 Megawatt. »Bislang haben wir auch die bereits genehmigten, aber noch nicht errichteten Anlagen eingerechnet«, erläutert Ganninger. Davon sehe man jetzt ab. Grund ist die Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) zu Beginn des Jahres 2017. Seitdem gibt es ein Ausschreibungsverfahren für den Bau neuer Windräder. Damit sollte der rasante Anstieg der EEG-Umlage eingedämmt werden. Sie erhöhte sich von 2 Cent (2010) auf fast 7 Cent (2017). Aktuell sind es 6,8 Cent je Kilowattstunde.
»Jeder, der sich jetzt bewirbt, muss bereits die Genehmigung für eine Anlage vorweisen können«, erläutert Ganninger. Da aber nicht alle Bewerber einen Zuschlag erhalten, würden letztlich nicht mehr alle genehmigten Anlagen auch gebaut. »Deshalb die neue, realitätsnahere Zählung.« Bei den Ausschreibungen der Bundesnetzagentur setzt sich jetzt durch, wer die geringste Einspeisevergütung verlangt. »Da werden teilweise nicht mehr auskömmliche Preise angeboten«, sagt Ganninger. Viele Bieterverfahren seien überzeichnet.
Laut Bundesnetzagentur lag die durchschnittliche Vergütung pro eingespeister Kilowattstunde zuletzt bei 4,7 Cent für Windkraftanlagen an Land. Ein halbes Jahr zuvor hatte sie bei 4,28 Cent gelegen, Anfang 2017 deutlich über 5 Cent. »Durch die gesetzliche Neuregelung wird die Vergütung insgesamt sinken«, sagt Olaf Peter Eul, Sprecher der Bundesnetzagentur.
Bürgergesellschaften von lokalen Privatleuten werden bei den Ausschreibungen bevorzugt, um sie verstärkt an der Energiewende zu beteiligen. Trotz der zu erwartenden sinkenden Vergütung war 2017 erneut ein Rekordjahr für den Ausbau der Windenergienutzung in Deutschland. »Viele noch 2016 genehmigte Anlagen wurden erst 2017 gebaut«, erklärt Ganninger. Der Bundesverband Windenergie, größter Fachverband der Branche, bemängelt die Umsetzung des neuen Ausschreibungsverfahrens. Es sei anfangs »zu massiven Fehlsteuerungen« gekommen, weil zwischen Projekten, die eine Genehmigung nachweisen mussten und solchen, die ohne Genehmigung teilnahmeberechtigt waren, »kein fairer Wettbewerb gegeben war«. Jetzt laufe es aber besser.

Samstag, 9. Dezember 2017

»Wir zerstören die Landschaft nicht«........oder vielleicht doch, wenn man die >>RICHTIGE<< Brille auf der Nase trägt?

»Wir zerstören die Landschaft nicht«

Bei der Podiumsdiskussion zur Windkraft in Borchen schlagen die Wellen hoch

Ausgabe des Westfälisches Volksblattes vom 09.12.2017 von Per Lütje
Borchen(WV). So hoch her dürfte es im Kirchborchener Bürgerhaus nicht einmal beim Karneval oder Schützenfest hergehen wie jetzt beim »WDR 5-Stadtgespräch«. Der Radiosender hatte am Donnerstagabend zum Thema Windkraft zur Live-Debatte geladen. Und ein Teilnehmer auf der Bühne zog ganz besonders die Empörung der zumeist windkraftfeindlich eingestellten Zuhörer auf sich.
Es war kein Zufall, dass sich die WDR-Redaktion ausgerechnet Borchen als Schauplatz ausgesucht hatte. Denn in kaum einem anderen Ort, in dem sich bereits 40 Windkraftanlagen drehen und noch einmal so viele geplant sind, schlägt das Thema so hohe Wellen. Entsprechend illuster war das Podium besetzt: NRW-Wirtschaftsminister Prof. Andreas Pinkwart (FDP), Gudrun Ponta (Bürgerinitiative Gegenwind Borchen), Unternehmer Johannes Lackmann (Westfalen-Wind) und Bürgermeister Reiner Allerdissen (SPD).
Pinkwart, seit Mai neuer Wirtschaftsminister in der schwarz-gelben Landesregierung, machte deutlich, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien unter der Vorgängerregierung eine ideologische Energiepolitik gewesen sei, die zu einem Übermaß an Windkraftanlagen geführt habe. Seine Partei und auch die CDU, setzte sich für eine Abstandsregelung von 1500 Metern ein, »doch bis dahin müssen wir mit den vorhandenen Gesetzen leben«, sagte Pinkwart, der bis zur Umsetzung der Novellierung die Windkraftinvestoren in die Pflicht nimmt, sich mit den Bürgern vor Ort zu einigen.
Windkraftpionier und Unternehmer Johannes Lackmann erntete ein ohrenbetäubendes Trillerpfeifenkonzert für folgende Sätze: »Man kann doch die Energiewende nicht davon abhängig machen, ob einzelne Bürger damit einverstanden sind. Im Rheinland ist man so dumm, dass man sich die Landschaft unter dem Hintern wegbaggert. Wir aber zerstören die Landschaft mit den Windkraftanlagen nicht.« Sturm gegen die Aussage, dass Windkraftgegner nur eine Minderheit seien, lief Bürgermeister Allerdissen: »Das ist nicht das Empfinden von einzelnen Menschen«, betonte er. Als es um die Aufhebung des Ratsbeschlusses ging, die Klagen gegen den Kreis Paderborn zurückzunehmen, hätten 2400 Bürger binnen zwei Tagen auf entsprechenden Listen unterschrieben. »Das, was sie betreiben, ist Manchester-Kapitalismus«, wetterte Allerdissen gegen Lackmann.
Gudrun Ponta, die Mitbegründerin der Bürgerinitiative Gegenwind Borchen ist, schilderte, dass sich im Umkreis von acht Kilometern um ihr Wohnhaus 300 Anlagen drehten. Als sie dort eingezogen sei, seien es nur ein Bruchteil davon gewesen, die zudem nicht höher als 100 Meter gewesen seien. »Inzwischen habe ich Schlafstörungen und leide unter Schmerzattacken. Seitdem ich ein Schmerztagebuch führe, kann ich einen konkreten Zusammenhang zwischen meiner Gesundheit und den Windkraftanlagen herstellen.«
Ein Zuhörer aus dem Publikum hielt Unternehmer Lackmann vor, dass durch benachbarte Windkraftanlagen Wohnhäuser in ihrem Wert gemindert würden. Dem widersprach Lackmann und löste damit schallendes Gelächter und ein neuerliches Trillerpfeifenkonzert aus: »Eine Entwertung von Häusern findet nicht statt.« Zur Seite sprang ihm NRW-Minister Pinkwart: »Man kann einem Unternehmer nicht vorwerfen, den gesetzlichen Rahmen auszuschöpfen und Geld zu verdienen.« Doch die Debatte mache deutlich, dass es neue Regelungen brauche.
Borchens Bürgermeister fasste die Gefühlslage der Bevölkerung abschließend so zusammen: »Von 1000 Anlagen in ganz Ostwestfalen-Lippe drehen sich 500 im Kreis Paderborn, so dass es eine ganz konkrete Betroffenheit der Menschen gibt. Die Bürger fühlen sich ungerecht behandelt.«

Die Neue Westfälische schreibt dazu folgendes: 
Hitzig: Beim WDR-Stadtgespräch zum Thema "Energiewende trotz Bürgerprotest" war die Gemeindehalle Kirchborchen gut besucht. Die
Diskussion auf dem prominent besetzten Podium wurde von Pfiffen und Buhrufen der Einwohner begleitet, die sich von den vielen
Windmühlen regelrecht umzingelt fühlen
Von Nicole Hille-Priebe

Borchen. Für die einen wird die "schöne Paderborner Hochfläche" mit Windrädern zugebaut, die anderen sind stolz darauf, dass die Energiewende direkt
vor ihrer Haustür stattfindet - in diesem Gegensatz bewegte sich auch die hitzige Diskussion beim "Stadtgespräch", zu dem WDR 5 am Donnerstagabend in
die Gemeindehalle Kirchborchen eingeladen hatte.
Die Veranstaltung wurde ihrem Titel "Streit um die Windkraft: Energiewende trotz Bürgerprotest?" mehr als gerecht, denn gestritten wurde einen Großteil
der einstündigen Liveübertragung. "Warum findet die Energiewende nur bei uns statt?", war eine der vielen Fragen aus dem Publikum, die an diesem
Abend unbeantwortet bleiben sollten. "Warum wird so wenig Rücksicht auf das Wohl der Menschen genommen?", fragte ein anderer Bürger.

DIE Protestbewegung
Als Gudrun Ponta (Bürgerinitiative Anti-Windkraft) vor sechs Jahren nach Borchen zog, hätten dort nur alte - sprich: kleinere - Anlagen gestanden. Und
nicht so viele. "Jetzt ist unser Haus eingekesselt, die Windräder sind wie Pilze aus dem Boden geschossen. Da habe ich erst gemerkt, was hier abgeht und
eine Bürgerinitiative gegründet. Ich versuche, unser letztes Stückchen Heimat hier zu retten." Außerdem habe ihre Gesundheit so stark gelitten, dass sie
wegen chronischer Kopfschmerzen mittlerweile ein Schmerztagebuch führe. Besonders ärgert Ponta der Verfahrensweg: "Im Rat dürfen Leute abstimmen,
die unter dem starken Verdacht stehen, von der Windkraft finanziell zu profitieren. Sogar in Rumänien gibt es eine Anti-Korruptionsbehörde - aber in
Deutschland gibt es so was nicht."

DER INVESTOR
Zwischen Pfiffen und Buhrufen machte der "Windpionier" Johannes Lackmann (Westfalenwind) deutlich, dass er an diesem Abend keine Freunde sucht.
"Wir nehmen die Kritik zur Kenntnis, aber Widerstand gibt es bei allen großen Infrastrukturmaßnahmen. Was die Windkraft angeht, hat die Politik etwas
beschlossen und wir setzen es um. Die Frage, was zu viel ist, kann nicht damit beantwortet werden, ob jemand das schön findet." Obwohl sein
kompromissloses Auftreten, bei dem er Bürgermeister Reiner Allerdissen unter anderem als "kleinen König" und die Gemeinde als "bockig" bezeichnete,
eine andere Sprache sprach, betonte er am Ende, er habe sich "immer redlich bemüht" - es könne aber nicht sein, "dass die Energiewende nicht
stattfindet, weil eine Minderheit dagegen ist".

Der MINISTER
Andreas Pinkwart (FDP) ist als NRW-Wirtschaftsminister auf den ersten Blick nicht verdächtig, eine investorenfeindliche Politik zu bestreiten. Wenn es um
erneuerbare Energien geht, hat in Düsseldorf jedoch offenbar ein Umdenken stattgefunden, besonders bei der Windkraft: "Ich kann die Kritik verstehen
und teilen. Die Energiepolitik der letzten Jahre baute auf dem auf, was die Politik vorgegeben hat, das muss man Herrn Lackmann zugute halten. In
gewissen Regionen wie hier vor Ort wurde das jedoch einfach überzogen. Jetzt müssen wir das für Mensch und Natur wieder verträglich machen." Pinkwart
verwies auf den neuen Windenergie-Erlass, den sein Ministerium auf den Weg gebracht habe. Er sehe dringenden Handlungsbedarf, den Mix der
erneuerbaren Energien auf den Prüfstand zu stellen - "stattdessen wird jedoch immer weiter ausgebaut, so dass die Netze verstopfen."

DER BÜRGERMEISTER
Reiner Allerdissen (SPD) darf nicht müde werden, gegen Windräder zu kämpfen - schließlich stehen bereits überproportional viele davon in seiner
Gemeinde. Von rund 1.000 Anlagen in OWL wurden 500 im Kreis Paderborn gebaut, 40 von ihnen stehen in Borchen. 40 weitere sollen hinzukommen. "Das
ist nicht mehr normal, was hier passiert. Die Menschen fühlen sich alleine gelassen." Dass zwischen Allerdissen und Lackmann Eiszeit herrscht, war nicht
zu übersehen. Der Bürgermeister fühlt sich von dem Investor über den Tisch gezogen. "Er hat eine Lücke im Genehmigungsverfahren ausgenutzt und
Ratsmitglieder unter Druck gesetzt. Das gibt ihm jetzt die Chance, überall zu bauen. Dieses Rennen können wir nicht gewinnen."

DIE BÜRGER
Sie kamen in der Diskussion ein wenig zu kurz. "Die Ewigkeitsschäden wurden heute Abend noch gar nicht angesprochen", sagte eine Anwohnerin. Die
Windkraftanlagen seien nicht nur eine Katastrophe für die Vögel, sondern auch für die Bodenwirtschaft. "Es ist ein Unding, was wir uns hier antun." Ein
anderer Bürger sagte: "Herr Lackmann, Ihr Strom ist mal da und mal nicht. Die Grundlast wird dadurch getragen, dass im Rheinland weiterhin Braunkohle
abgebaut wird - das ist eine Wiederholung des mittelalterlichen Ablasshandels."
Siehe auch Kommentar Kennzeichen PB, 2 Lokalseite

© 2017 Neue Westfälische
15 - Paderborn (Kreis), Samstag 09. Dezember 2017

Lokales
Kommentar von Nicole Hille-Priebe

Wer nicht dafür ist, ist dagegen
Dass die Emotionen beim Thema Windkraft hoch schlagen, ist bekannt. Wie aufgeheizt die Stimmung vor Ort aber mittlerweile ist, konnte man beim
Stadtgespräch erleben, zu dem der WDR in die Gemeindehalle nach Kirchborchen eingeladen hatte - dorthin also, wo es gerade besonders brodelt.
Im Prinzip verläuft die Diskussion stets ähnlich: Wer nicht für die Windkraft ist, ist dagegen; und damit auch gegen den Fortschritt, gegen die
Energiewende, für Braunkohle und Atomkraftwerke. Es wird polarisiert, was das Zeug hält, anstatt mit Verständnis und Toleranz den Dialog zu suchen. Im
Eifer des Gefechts wird häufig vergessen: Gegen Windkraft sind die wenigsten - warum sollte man auch? - gegen Windkraftanlagen vor der Haustür jedoch
viele.
Wie kann man den Borchener Bürgern schmackhaft machen, dass sie praktisch keinen längeren Spaziergang in der Natur machen können, ohne auf ein
Windrad zu treffen? Dass bei ihnen, obwohl sie bereits 40 Anlagen in der Gemeinde haben, noch einmal so viele gebaut werden sollen? Dass ihre
Gesundheit nicht so wichtig ist wie der Profit der Investoren? Man kann es nicht. Zumal die Betroffenen längst ahnen, dass die steigende Zahl der immer
größer werdenden Windrädern weniger mit ökologischen als mit ökonomischen Interessen zu tun hat.
Es war also klar, dass der Windenergie-"Pionier" Johannes Lackmann an diesem Abend keinen leichten Stand haben würde. Mit seinem Auftritt, seinen
Argumenten und seiner Wortwahl hat er sich jedoch keinen Gefallen getan. Wer einen Bürgermeister, dessen Gemeinde mit 40 bestehenden Anlagen leben
und sich gegen weitere 40 Windräder in Planung wehren muss, als "kleinen König, der keine Windräder will" bezeichnet und die Bürger als "bockig", sucht
nicht Frieden, sondern provoziert. Besonders pikant sind die Borchener Verhältnisse, unter denen es überhaupt zu dieser Situation kommen konnte. Ein
Formfehler bei der Neuaufstellung des Flächennutzungsplans öffnete Lackmann die Tür, sagt der Bürgermeister. Und was man an diesem Abend sonst noch
über die Vorgänge vernehmen konnte, erinnert eher an Drückermethoden als an ostwestfälische Bodenständigkeit.
Borchen ist jedoch nicht allein, in vielen Gemeinden bilden sich Bürgerinitiativen, regt sich der Widerstand. Die Menschen wollen sich ihr Leben und ihre
Heimat nicht länger von Bauwerken zerstören lassen, an deren Sinnhaftigkeit sie nicht mehr glauben können. Bleibt die spannende Frage, wie es im Kreis
Paderborn ganz konkret weitergeht mit den Genehmigungsverfahren für geplante Windkraftanlagen - schließlich soll die Windenergie-Novelle des
Wirtschaftsministeriums ab 2018 zu einschneidenden Veränderungen und einem stärkeren Schutz von Mensch und Natur führen.
Aus dem Münsterland ist zu hören, dass man in einzelnen Windkraftgemeinden nicht auf das neue Gesetz warten will - sondern lieber noch schnell ein paar Projekte durchzieht.

Mittwoch, 29. November 2017

So sehen uns unsere Nachbarn »Gute Nacht, Marie«


»Gute Nacht, Marie«

Windkraft-Bild macht nachdenklich

Zu unserer Berichterstattung über die Auswirkungen der Windkraft auf Lichtenau und die entsprechende Bebilderung (übrigens keine Montage) erreichte die Redaktion folgende Lesermeinung:
Ihr Fotograf Herr Jörn Hannemann hat hier eines der schönsten Fotos aus meiner nächsten Umgebung geschossen. Das Bild gehört eingerahmt. So ‘was Erschreckendes habe ich selten gesehen, hoffentlich sehen das potenzielle Besucher nicht. Die werden einen großen Bogen um diese Gegend machen.
Lichtenau, die Vorzeigestadt der Windenergie – wenn das auch die Meinung des überwiegenden Teils der Bevölkerung ist, dann kann es nur heißen: »Gute Nacht, Marie«.
Rolf-Dieter Albers
Borchen

Donnerstag, 16. November 2017

Windkraftgegner hoffen

Neue Methode zur Lärmmessung könnte Mindestabstand vergrößern

Kreis Paderborn(bel). Windkraftkritiker auch im Kreis Paderborn bekommen neuen Aufwind. Ein Urteil des Verwaltungsgerichts in Düsseldorf bestätigte jetzt in erster Instanz eine neue Methode bei der Errechnung der Schallprognosen für Windkraftanlagen. Mögliche Auswirkungen sind noch offen.
Künftig soll bei den Berechnungen ein so genanntes »Interimsverfahren« angewendet werden. Zentrales Merkmal des Interimsverfahrens ist, dass bei der Berechnung der Schallemission die Bodendämpfung nicht mehr berücksichtigt wird. Das trägt der Entwicklung Rechnung, dass die neuen Windkraftanlagen weitaus höher geworden sind, als dies noch vor Jahren der Fall war.
Das neue Verfahren hat zur Folge, dass in der Regel die Richtwerte nach der Technischen Anweisung (TA) Lärm schneller erreicht werden. Anfang September hatte die Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Immissionsschutz den Ländern empfohlen, diese neue Methode bei Schallprognosen anzuwenden.
Das Verwaltungsgericht Düsseldorf bekräftige in einem Verfahren, dass diese neue Methode auch bei Anlagen angewendet werden sollte, die sich aufgrund eines Widerspruchs noch in einem Genehmigungsverfahren befinden. Voraussichtlich wird sich jetzt ein Oberverwaltungsgericht mit diesem Thema beschäftigen.
Welche konkreten Auswirkungen diese Entwicklung auch auf den Kreis Paderborn haben wird, ist noch offen. Windkraftkritiker fordern zwar in offenen Briefen an den Kreis Paderborn eine sofortige Anwendung, doch der Kreis Paderborn weist darauf hin, dass dieses Verfahren noch nicht verbindlich sei, und es eines entsprechenden Erlasses aus Düsseldorf bedürfe. Ende November wird zu diesem Thema eine Umweltministerkonferenz der Länder stattfinden. Nach Auffassung des Kreises sei dieses Verfahren derzeit nicht anwendbar, auch wenn es eine Empfehlung der Arbeitsgemeinschaft gebe.
Ebenfalls derzeit nicht anwendbar ist nach Auffassung des Kreises eine Prüfung der so genannten »Umfassungswirkung« von Windkraftanlagen. Sie besagt, dass bei einer »Umzingelung« von Dörfern Sicht-Korridore von Windkraftanlagen frei gehalten werden müssen. Dieses Argument wird derzeit insbesondere von der Bürgerinitiative »Gegenwind Borchen« angeführt. Sie hat den Kreis Paderborn aufgefordert, dieses Kriterium anzuwenden. Aber auch hier hatte bereits der Windkraftplaner der Gemeinde Borchen bei der Vorstellung des ersten Entwurfs für den neuen Flächennutzungsplan im August darauf hingewiesen, dass dies derzeit kein »zwingendes Kriterium« sei und derzeit auch keine festen Werte hierfür vorliegen.
Das Kriterium basiert auf einem Gutachten in Mecklenburg-Vorpommern aus dem Jahr 2013, das dieses Kriterium erstmals in einen Plan für Windkraftanlagen im ländlichen Raum einarbeitete. Erste gerichtliche Verfahren hatten seinerzeit den Ansatz für dieses Kriterium bestätigt.