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Samstag, 9. Dezember 2017

»Wir zerstören die Landschaft nicht«........oder vielleicht doch, wenn man die >>RICHTIGE<< Brille auf der Nase trägt?

»Wir zerstören die Landschaft nicht«

Bei der Podiumsdiskussion zur Windkraft in Borchen schlagen die Wellen hoch

Ausgabe des Westfälisches Volksblattes vom 09.12.2017 von Per Lütje
Borchen(WV). So hoch her dürfte es im Kirchborchener Bürgerhaus nicht einmal beim Karneval oder Schützenfest hergehen wie jetzt beim »WDR 5-Stadtgespräch«. Der Radiosender hatte am Donnerstagabend zum Thema Windkraft zur Live-Debatte geladen. Und ein Teilnehmer auf der Bühne zog ganz besonders die Empörung der zumeist windkraftfeindlich eingestellten Zuhörer auf sich.
Es war kein Zufall, dass sich die WDR-Redaktion ausgerechnet Borchen als Schauplatz ausgesucht hatte. Denn in kaum einem anderen Ort, in dem sich bereits 40 Windkraftanlagen drehen und noch einmal so viele geplant sind, schlägt das Thema so hohe Wellen. Entsprechend illuster war das Podium besetzt: NRW-Wirtschaftsminister Prof. Andreas Pinkwart (FDP), Gudrun Ponta (Bürgerinitiative Gegenwind Borchen), Unternehmer Johannes Lackmann (Westfalen-Wind) und Bürgermeister Reiner Allerdissen (SPD).
Pinkwart, seit Mai neuer Wirtschaftsminister in der schwarz-gelben Landesregierung, machte deutlich, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien unter der Vorgängerregierung eine ideologische Energiepolitik gewesen sei, die zu einem Übermaß an Windkraftanlagen geführt habe. Seine Partei und auch die CDU, setzte sich für eine Abstandsregelung von 1500 Metern ein, »doch bis dahin müssen wir mit den vorhandenen Gesetzen leben«, sagte Pinkwart, der bis zur Umsetzung der Novellierung die Windkraftinvestoren in die Pflicht nimmt, sich mit den Bürgern vor Ort zu einigen.
Windkraftpionier und Unternehmer Johannes Lackmann erntete ein ohrenbetäubendes Trillerpfeifenkonzert für folgende Sätze: »Man kann doch die Energiewende nicht davon abhängig machen, ob einzelne Bürger damit einverstanden sind. Im Rheinland ist man so dumm, dass man sich die Landschaft unter dem Hintern wegbaggert. Wir aber zerstören die Landschaft mit den Windkraftanlagen nicht.« Sturm gegen die Aussage, dass Windkraftgegner nur eine Minderheit seien, lief Bürgermeister Allerdissen: »Das ist nicht das Empfinden von einzelnen Menschen«, betonte er. Als es um die Aufhebung des Ratsbeschlusses ging, die Klagen gegen den Kreis Paderborn zurückzunehmen, hätten 2400 Bürger binnen zwei Tagen auf entsprechenden Listen unterschrieben. »Das, was sie betreiben, ist Manchester-Kapitalismus«, wetterte Allerdissen gegen Lackmann.
Gudrun Ponta, die Mitbegründerin der Bürgerinitiative Gegenwind Borchen ist, schilderte, dass sich im Umkreis von acht Kilometern um ihr Wohnhaus 300 Anlagen drehten. Als sie dort eingezogen sei, seien es nur ein Bruchteil davon gewesen, die zudem nicht höher als 100 Meter gewesen seien. »Inzwischen habe ich Schlafstörungen und leide unter Schmerzattacken. Seitdem ich ein Schmerztagebuch führe, kann ich einen konkreten Zusammenhang zwischen meiner Gesundheit und den Windkraftanlagen herstellen.«
Ein Zuhörer aus dem Publikum hielt Unternehmer Lackmann vor, dass durch benachbarte Windkraftanlagen Wohnhäuser in ihrem Wert gemindert würden. Dem widersprach Lackmann und löste damit schallendes Gelächter und ein neuerliches Trillerpfeifenkonzert aus: »Eine Entwertung von Häusern findet nicht statt.« Zur Seite sprang ihm NRW-Minister Pinkwart: »Man kann einem Unternehmer nicht vorwerfen, den gesetzlichen Rahmen auszuschöpfen und Geld zu verdienen.« Doch die Debatte mache deutlich, dass es neue Regelungen brauche.
Borchens Bürgermeister fasste die Gefühlslage der Bevölkerung abschließend so zusammen: »Von 1000 Anlagen in ganz Ostwestfalen-Lippe drehen sich 500 im Kreis Paderborn, so dass es eine ganz konkrete Betroffenheit der Menschen gibt. Die Bürger fühlen sich ungerecht behandelt.«

Die Neue Westfälische schreibt dazu folgendes: 
Hitzig: Beim WDR-Stadtgespräch zum Thema "Energiewende trotz Bürgerprotest" war die Gemeindehalle Kirchborchen gut besucht. Die
Diskussion auf dem prominent besetzten Podium wurde von Pfiffen und Buhrufen der Einwohner begleitet, die sich von den vielen
Windmühlen regelrecht umzingelt fühlen
Von Nicole Hille-Priebe

Borchen. Für die einen wird die "schöne Paderborner Hochfläche" mit Windrädern zugebaut, die anderen sind stolz darauf, dass die Energiewende direkt
vor ihrer Haustür stattfindet - in diesem Gegensatz bewegte sich auch die hitzige Diskussion beim "Stadtgespräch", zu dem WDR 5 am Donnerstagabend in
die Gemeindehalle Kirchborchen eingeladen hatte.
Die Veranstaltung wurde ihrem Titel "Streit um die Windkraft: Energiewende trotz Bürgerprotest?" mehr als gerecht, denn gestritten wurde einen Großteil
der einstündigen Liveübertragung. "Warum findet die Energiewende nur bei uns statt?", war eine der vielen Fragen aus dem Publikum, die an diesem
Abend unbeantwortet bleiben sollten. "Warum wird so wenig Rücksicht auf das Wohl der Menschen genommen?", fragte ein anderer Bürger.

DIE Protestbewegung
Als Gudrun Ponta (Bürgerinitiative Anti-Windkraft) vor sechs Jahren nach Borchen zog, hätten dort nur alte - sprich: kleinere - Anlagen gestanden. Und
nicht so viele. "Jetzt ist unser Haus eingekesselt, die Windräder sind wie Pilze aus dem Boden geschossen. Da habe ich erst gemerkt, was hier abgeht und
eine Bürgerinitiative gegründet. Ich versuche, unser letztes Stückchen Heimat hier zu retten." Außerdem habe ihre Gesundheit so stark gelitten, dass sie
wegen chronischer Kopfschmerzen mittlerweile ein Schmerztagebuch führe. Besonders ärgert Ponta der Verfahrensweg: "Im Rat dürfen Leute abstimmen,
die unter dem starken Verdacht stehen, von der Windkraft finanziell zu profitieren. Sogar in Rumänien gibt es eine Anti-Korruptionsbehörde - aber in
Deutschland gibt es so was nicht."

DER INVESTOR
Zwischen Pfiffen und Buhrufen machte der "Windpionier" Johannes Lackmann (Westfalenwind) deutlich, dass er an diesem Abend keine Freunde sucht.
"Wir nehmen die Kritik zur Kenntnis, aber Widerstand gibt es bei allen großen Infrastrukturmaßnahmen. Was die Windkraft angeht, hat die Politik etwas
beschlossen und wir setzen es um. Die Frage, was zu viel ist, kann nicht damit beantwortet werden, ob jemand das schön findet." Obwohl sein
kompromissloses Auftreten, bei dem er Bürgermeister Reiner Allerdissen unter anderem als "kleinen König" und die Gemeinde als "bockig" bezeichnete,
eine andere Sprache sprach, betonte er am Ende, er habe sich "immer redlich bemüht" - es könne aber nicht sein, "dass die Energiewende nicht
stattfindet, weil eine Minderheit dagegen ist".

Der MINISTER
Andreas Pinkwart (FDP) ist als NRW-Wirtschaftsminister auf den ersten Blick nicht verdächtig, eine investorenfeindliche Politik zu bestreiten. Wenn es um
erneuerbare Energien geht, hat in Düsseldorf jedoch offenbar ein Umdenken stattgefunden, besonders bei der Windkraft: "Ich kann die Kritik verstehen
und teilen. Die Energiepolitik der letzten Jahre baute auf dem auf, was die Politik vorgegeben hat, das muss man Herrn Lackmann zugute halten. In
gewissen Regionen wie hier vor Ort wurde das jedoch einfach überzogen. Jetzt müssen wir das für Mensch und Natur wieder verträglich machen." Pinkwart
verwies auf den neuen Windenergie-Erlass, den sein Ministerium auf den Weg gebracht habe. Er sehe dringenden Handlungsbedarf, den Mix der
erneuerbaren Energien auf den Prüfstand zu stellen - "stattdessen wird jedoch immer weiter ausgebaut, so dass die Netze verstopfen."

DER BÜRGERMEISTER
Reiner Allerdissen (SPD) darf nicht müde werden, gegen Windräder zu kämpfen - schließlich stehen bereits überproportional viele davon in seiner
Gemeinde. Von rund 1.000 Anlagen in OWL wurden 500 im Kreis Paderborn gebaut, 40 von ihnen stehen in Borchen. 40 weitere sollen hinzukommen. "Das
ist nicht mehr normal, was hier passiert. Die Menschen fühlen sich alleine gelassen." Dass zwischen Allerdissen und Lackmann Eiszeit herrscht, war nicht
zu übersehen. Der Bürgermeister fühlt sich von dem Investor über den Tisch gezogen. "Er hat eine Lücke im Genehmigungsverfahren ausgenutzt und
Ratsmitglieder unter Druck gesetzt. Das gibt ihm jetzt die Chance, überall zu bauen. Dieses Rennen können wir nicht gewinnen."

DIE BÜRGER
Sie kamen in der Diskussion ein wenig zu kurz. "Die Ewigkeitsschäden wurden heute Abend noch gar nicht angesprochen", sagte eine Anwohnerin. Die
Windkraftanlagen seien nicht nur eine Katastrophe für die Vögel, sondern auch für die Bodenwirtschaft. "Es ist ein Unding, was wir uns hier antun." Ein
anderer Bürger sagte: "Herr Lackmann, Ihr Strom ist mal da und mal nicht. Die Grundlast wird dadurch getragen, dass im Rheinland weiterhin Braunkohle
abgebaut wird - das ist eine Wiederholung des mittelalterlichen Ablasshandels."
Siehe auch Kommentar Kennzeichen PB, 2 Lokalseite

© 2017 Neue Westfälische
15 - Paderborn (Kreis), Samstag 09. Dezember 2017

Lokales
Kommentar von Nicole Hille-Priebe

Wer nicht dafür ist, ist dagegen
Dass die Emotionen beim Thema Windkraft hoch schlagen, ist bekannt. Wie aufgeheizt die Stimmung vor Ort aber mittlerweile ist, konnte man beim
Stadtgespräch erleben, zu dem der WDR in die Gemeindehalle nach Kirchborchen eingeladen hatte - dorthin also, wo es gerade besonders brodelt.
Im Prinzip verläuft die Diskussion stets ähnlich: Wer nicht für die Windkraft ist, ist dagegen; und damit auch gegen den Fortschritt, gegen die
Energiewende, für Braunkohle und Atomkraftwerke. Es wird polarisiert, was das Zeug hält, anstatt mit Verständnis und Toleranz den Dialog zu suchen. Im
Eifer des Gefechts wird häufig vergessen: Gegen Windkraft sind die wenigsten - warum sollte man auch? - gegen Windkraftanlagen vor der Haustür jedoch
viele.
Wie kann man den Borchener Bürgern schmackhaft machen, dass sie praktisch keinen längeren Spaziergang in der Natur machen können, ohne auf ein
Windrad zu treffen? Dass bei ihnen, obwohl sie bereits 40 Anlagen in der Gemeinde haben, noch einmal so viele gebaut werden sollen? Dass ihre
Gesundheit nicht so wichtig ist wie der Profit der Investoren? Man kann es nicht. Zumal die Betroffenen längst ahnen, dass die steigende Zahl der immer
größer werdenden Windrädern weniger mit ökologischen als mit ökonomischen Interessen zu tun hat.
Es war also klar, dass der Windenergie-"Pionier" Johannes Lackmann an diesem Abend keinen leichten Stand haben würde. Mit seinem Auftritt, seinen
Argumenten und seiner Wortwahl hat er sich jedoch keinen Gefallen getan. Wer einen Bürgermeister, dessen Gemeinde mit 40 bestehenden Anlagen leben
und sich gegen weitere 40 Windräder in Planung wehren muss, als "kleinen König, der keine Windräder will" bezeichnet und die Bürger als "bockig", sucht
nicht Frieden, sondern provoziert. Besonders pikant sind die Borchener Verhältnisse, unter denen es überhaupt zu dieser Situation kommen konnte. Ein
Formfehler bei der Neuaufstellung des Flächennutzungsplans öffnete Lackmann die Tür, sagt der Bürgermeister. Und was man an diesem Abend sonst noch
über die Vorgänge vernehmen konnte, erinnert eher an Drückermethoden als an ostwestfälische Bodenständigkeit.
Borchen ist jedoch nicht allein, in vielen Gemeinden bilden sich Bürgerinitiativen, regt sich der Widerstand. Die Menschen wollen sich ihr Leben und ihre
Heimat nicht länger von Bauwerken zerstören lassen, an deren Sinnhaftigkeit sie nicht mehr glauben können. Bleibt die spannende Frage, wie es im Kreis
Paderborn ganz konkret weitergeht mit den Genehmigungsverfahren für geplante Windkraftanlagen - schließlich soll die Windenergie-Novelle des
Wirtschaftsministeriums ab 2018 zu einschneidenden Veränderungen und einem stärkeren Schutz von Mensch und Natur führen.
Aus dem Münsterland ist zu hören, dass man in einzelnen Windkraftgemeinden nicht auf das neue Gesetz warten will - sondern lieber noch schnell ein paar Projekte durchzieht.

Kommentare:

  1. Hr. Allerdissen ist nur der "kleine König" im Windreich von Kaiser Lackmann, oder wie soll man es anders verstehen. Wie immer wedelt der Schwanz mit dem Hund, wenn Hr. Lackmann argumentiert. Themen wie Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit hat er schon als BEE Vorsitzender als auch in der öffentlichen Debatte gemieden, wie der Teufel das Weihwasser, sonst wäre nämlich aufgefallen, dass er eine Luftnummer verkauft.

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  2. H. Lackmann handelt exakt nach dem Beschluss unserer Bundesregierung. Hätten wir Lackmann nicht, dann hätten wir halt Meier, Müller oder Schulze. Das Ergebnis wäre in jedem Fall gleich: Gewinnsteigerung bis zum möglichen Maximum unter Berücksichtigung aller legalen rechtlichen Mittel. Hier stellt weder Borchen noch Lichtenau eine Ausnahme da. Die Geldgier des Menschen ist halt angeboren. Die Betreiber von Photovoltaikanlagen sind in meinen Augen keinen Deut besser.

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  3. Im Gegensatz zu Windkraftanlagen haben PV - Anlagen im Sommer und Kraft-Wärme Kopplung im Winter, wie auch immer umgesetzt, z.B. als Brennstoffzelle oder besser mittels BHKW auf Basis heimischer Energieträger den Charme des Eigenverantwortungsprinzips.
    Wenn die Menschen selbst dafür verantwortlich sind, dass die Hütte warm und Strom vorhanden ist, wird die günstigste Lösung der Energieversorgung gewählt. Dezentral und technologieoffen, statt zentral und festgelegt.

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  4. PV-Anlagen haben den einzigen Vorteil, dass das abgegriffene EEG-Geld bei den zahlreichen privaten Betreibern (Hausbesitzern) landet und nicht bei wenigen Investoren und Grossgrundbesitzern.
    Der typische Betreiber von PV-Anlagen kontrolliert täglich per Smartphone den eingespeisten Strom und läßt sich die EEG Vergütung ausrechnen. Dabei heizt er sein Haus mit billigem Brennholz aus heimischen Wäldern und verpestet die Luft mit Stickoxiden und Feinstaub (natürlich klimaneutral).
    So etwas nennt sich dann Energiewende Made in Germany.

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  5. Ja genau, so wie es schon Wirtschaftsminister Gabriel sagte:

    - Wir haben die Komplexität der Energiewirtschaft unterschätzt.
    - Die Energiewende steht kurz vor dem scheitern.
    - Im Ausland halten uns sowieso alle für verrückt.

    Wer hat die Energiewende je zu Ende gedacht? Der Bürger wird es wohl nicht tun können, also wird er sich im Zweifelsfall soweit selbst helfen, wie er kann.

    Dazu finde ich PV Anlagen mit Speicher für die Eigenstromversorgung (Haus und Auto) und einen Holzofen sehr geeignet, denn Russland wird sein Gas nicht verschenken, noch kann man erwarten, dass die Speicherung von großindustriell produzierten Windstrom wirtschaftlich wird in den nächsten 2 - 3 Dekaden und damit die Versorgungssicherheit gesichert ist.

    Jetzt jammert die gesamte Windindustrie, dass Sie sich Marktbedingungen stellen muss. Ein modernes Einfamilienhaus benötigt je m² ca. 1/5 der Wärme eines Hauses aus den Sechzigern, also auch 1/5 der Stickoxide.
    Ziegelproduzenten haben Ihre Produkte schon seit mehreren Jahrzehnten ständig verbessert, so dass Mauerwerk heute 5 mal besser dämmt als in den Sechzigern, dazu braucht es Regeln und Wettbewerb.

    Technologieoffen, dezentral und bezahlbar, mit Leitplanken versteht sich, aber niemals ideologisch auf ein Pferd gesetzt.

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  6. »Energiewende ins Nichts«

    https://www.tichyseinblick.de/wirtschaft/hans-werner-sinn-vernichtendes-urteil-ueber-energiewende/

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