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Samstag, 9. Dezember 2017

»Wir zerstören die Landschaft nicht«........oder vielleicht doch, wenn man die >>RICHTIGE<< Brille auf der Nase trägt?

»Wir zerstören die Landschaft nicht«

Bei der Podiumsdiskussion zur Windkraft in Borchen schlagen die Wellen hoch

Ausgabe des Westfälisches Volksblattes vom 09.12.2017 von Per Lütje
Borchen(WV). So hoch her dürfte es im Kirchborchener Bürgerhaus nicht einmal beim Karneval oder Schützenfest hergehen wie jetzt beim »WDR 5-Stadtgespräch«. Der Radiosender hatte am Donnerstagabend zum Thema Windkraft zur Live-Debatte geladen. Und ein Teilnehmer auf der Bühne zog ganz besonders die Empörung der zumeist windkraftfeindlich eingestellten Zuhörer auf sich.
Es war kein Zufall, dass sich die WDR-Redaktion ausgerechnet Borchen als Schauplatz ausgesucht hatte. Denn in kaum einem anderen Ort, in dem sich bereits 40 Windkraftanlagen drehen und noch einmal so viele geplant sind, schlägt das Thema so hohe Wellen. Entsprechend illuster war das Podium besetzt: NRW-Wirtschaftsminister Prof. Andreas Pinkwart (FDP), Gudrun Ponta (Bürgerinitiative Gegenwind Borchen), Unternehmer Johannes Lackmann (Westfalen-Wind) und Bürgermeister Reiner Allerdissen (SPD).
Pinkwart, seit Mai neuer Wirtschaftsminister in der schwarz-gelben Landesregierung, machte deutlich, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien unter der Vorgängerregierung eine ideologische Energiepolitik gewesen sei, die zu einem Übermaß an Windkraftanlagen geführt habe. Seine Partei und auch die CDU, setzte sich für eine Abstandsregelung von 1500 Metern ein, »doch bis dahin müssen wir mit den vorhandenen Gesetzen leben«, sagte Pinkwart, der bis zur Umsetzung der Novellierung die Windkraftinvestoren in die Pflicht nimmt, sich mit den Bürgern vor Ort zu einigen.
Windkraftpionier und Unternehmer Johannes Lackmann erntete ein ohrenbetäubendes Trillerpfeifenkonzert für folgende Sätze: »Man kann doch die Energiewende nicht davon abhängig machen, ob einzelne Bürger damit einverstanden sind. Im Rheinland ist man so dumm, dass man sich die Landschaft unter dem Hintern wegbaggert. Wir aber zerstören die Landschaft mit den Windkraftanlagen nicht.« Sturm gegen die Aussage, dass Windkraftgegner nur eine Minderheit seien, lief Bürgermeister Allerdissen: »Das ist nicht das Empfinden von einzelnen Menschen«, betonte er. Als es um die Aufhebung des Ratsbeschlusses ging, die Klagen gegen den Kreis Paderborn zurückzunehmen, hätten 2400 Bürger binnen zwei Tagen auf entsprechenden Listen unterschrieben. »Das, was sie betreiben, ist Manchester-Kapitalismus«, wetterte Allerdissen gegen Lackmann.
Gudrun Ponta, die Mitbegründerin der Bürgerinitiative Gegenwind Borchen ist, schilderte, dass sich im Umkreis von acht Kilometern um ihr Wohnhaus 300 Anlagen drehten. Als sie dort eingezogen sei, seien es nur ein Bruchteil davon gewesen, die zudem nicht höher als 100 Meter gewesen seien. »Inzwischen habe ich Schlafstörungen und leide unter Schmerzattacken. Seitdem ich ein Schmerztagebuch führe, kann ich einen konkreten Zusammenhang zwischen meiner Gesundheit und den Windkraftanlagen herstellen.«
Ein Zuhörer aus dem Publikum hielt Unternehmer Lackmann vor, dass durch benachbarte Windkraftanlagen Wohnhäuser in ihrem Wert gemindert würden. Dem widersprach Lackmann und löste damit schallendes Gelächter und ein neuerliches Trillerpfeifenkonzert aus: »Eine Entwertung von Häusern findet nicht statt.« Zur Seite sprang ihm NRW-Minister Pinkwart: »Man kann einem Unternehmer nicht vorwerfen, den gesetzlichen Rahmen auszuschöpfen und Geld zu verdienen.« Doch die Debatte mache deutlich, dass es neue Regelungen brauche.
Borchens Bürgermeister fasste die Gefühlslage der Bevölkerung abschließend so zusammen: »Von 1000 Anlagen in ganz Ostwestfalen-Lippe drehen sich 500 im Kreis Paderborn, so dass es eine ganz konkrete Betroffenheit der Menschen gibt. Die Bürger fühlen sich ungerecht behandelt.«

Die Neue Westfälische schreibt dazu folgendes: 
Hitzig: Beim WDR-Stadtgespräch zum Thema "Energiewende trotz Bürgerprotest" war die Gemeindehalle Kirchborchen gut besucht. Die
Diskussion auf dem prominent besetzten Podium wurde von Pfiffen und Buhrufen der Einwohner begleitet, die sich von den vielen
Windmühlen regelrecht umzingelt fühlen
Von Nicole Hille-Priebe

Borchen. Für die einen wird die "schöne Paderborner Hochfläche" mit Windrädern zugebaut, die anderen sind stolz darauf, dass die Energiewende direkt
vor ihrer Haustür stattfindet - in diesem Gegensatz bewegte sich auch die hitzige Diskussion beim "Stadtgespräch", zu dem WDR 5 am Donnerstagabend in
die Gemeindehalle Kirchborchen eingeladen hatte.
Die Veranstaltung wurde ihrem Titel "Streit um die Windkraft: Energiewende trotz Bürgerprotest?" mehr als gerecht, denn gestritten wurde einen Großteil
der einstündigen Liveübertragung. "Warum findet die Energiewende nur bei uns statt?", war eine der vielen Fragen aus dem Publikum, die an diesem
Abend unbeantwortet bleiben sollten. "Warum wird so wenig Rücksicht auf das Wohl der Menschen genommen?", fragte ein anderer Bürger.

DIE Protestbewegung
Als Gudrun Ponta (Bürgerinitiative Anti-Windkraft) vor sechs Jahren nach Borchen zog, hätten dort nur alte - sprich: kleinere - Anlagen gestanden. Und
nicht so viele. "Jetzt ist unser Haus eingekesselt, die Windräder sind wie Pilze aus dem Boden geschossen. Da habe ich erst gemerkt, was hier abgeht und
eine Bürgerinitiative gegründet. Ich versuche, unser letztes Stückchen Heimat hier zu retten." Außerdem habe ihre Gesundheit so stark gelitten, dass sie
wegen chronischer Kopfschmerzen mittlerweile ein Schmerztagebuch führe. Besonders ärgert Ponta der Verfahrensweg: "Im Rat dürfen Leute abstimmen,
die unter dem starken Verdacht stehen, von der Windkraft finanziell zu profitieren. Sogar in Rumänien gibt es eine Anti-Korruptionsbehörde - aber in
Deutschland gibt es so was nicht."

DER INVESTOR
Zwischen Pfiffen und Buhrufen machte der "Windpionier" Johannes Lackmann (Westfalenwind) deutlich, dass er an diesem Abend keine Freunde sucht.
"Wir nehmen die Kritik zur Kenntnis, aber Widerstand gibt es bei allen großen Infrastrukturmaßnahmen. Was die Windkraft angeht, hat die Politik etwas
beschlossen und wir setzen es um. Die Frage, was zu viel ist, kann nicht damit beantwortet werden, ob jemand das schön findet." Obwohl sein
kompromissloses Auftreten, bei dem er Bürgermeister Reiner Allerdissen unter anderem als "kleinen König" und die Gemeinde als "bockig" bezeichnete,
eine andere Sprache sprach, betonte er am Ende, er habe sich "immer redlich bemüht" - es könne aber nicht sein, "dass die Energiewende nicht
stattfindet, weil eine Minderheit dagegen ist".

Der MINISTER
Andreas Pinkwart (FDP) ist als NRW-Wirtschaftsminister auf den ersten Blick nicht verdächtig, eine investorenfeindliche Politik zu bestreiten. Wenn es um
erneuerbare Energien geht, hat in Düsseldorf jedoch offenbar ein Umdenken stattgefunden, besonders bei der Windkraft: "Ich kann die Kritik verstehen
und teilen. Die Energiepolitik der letzten Jahre baute auf dem auf, was die Politik vorgegeben hat, das muss man Herrn Lackmann zugute halten. In
gewissen Regionen wie hier vor Ort wurde das jedoch einfach überzogen. Jetzt müssen wir das für Mensch und Natur wieder verträglich machen." Pinkwart
verwies auf den neuen Windenergie-Erlass, den sein Ministerium auf den Weg gebracht habe. Er sehe dringenden Handlungsbedarf, den Mix der
erneuerbaren Energien auf den Prüfstand zu stellen - "stattdessen wird jedoch immer weiter ausgebaut, so dass die Netze verstopfen."

DER BÜRGERMEISTER
Reiner Allerdissen (SPD) darf nicht müde werden, gegen Windräder zu kämpfen - schließlich stehen bereits überproportional viele davon in seiner
Gemeinde. Von rund 1.000 Anlagen in OWL wurden 500 im Kreis Paderborn gebaut, 40 von ihnen stehen in Borchen. 40 weitere sollen hinzukommen. "Das
ist nicht mehr normal, was hier passiert. Die Menschen fühlen sich alleine gelassen." Dass zwischen Allerdissen und Lackmann Eiszeit herrscht, war nicht
zu übersehen. Der Bürgermeister fühlt sich von dem Investor über den Tisch gezogen. "Er hat eine Lücke im Genehmigungsverfahren ausgenutzt und
Ratsmitglieder unter Druck gesetzt. Das gibt ihm jetzt die Chance, überall zu bauen. Dieses Rennen können wir nicht gewinnen."

DIE BÜRGER
Sie kamen in der Diskussion ein wenig zu kurz. "Die Ewigkeitsschäden wurden heute Abend noch gar nicht angesprochen", sagte eine Anwohnerin. Die
Windkraftanlagen seien nicht nur eine Katastrophe für die Vögel, sondern auch für die Bodenwirtschaft. "Es ist ein Unding, was wir uns hier antun." Ein
anderer Bürger sagte: "Herr Lackmann, Ihr Strom ist mal da und mal nicht. Die Grundlast wird dadurch getragen, dass im Rheinland weiterhin Braunkohle
abgebaut wird - das ist eine Wiederholung des mittelalterlichen Ablasshandels."
Siehe auch Kommentar Kennzeichen PB, 2 Lokalseite

© 2017 Neue Westfälische
15 - Paderborn (Kreis), Samstag 09. Dezember 2017

Lokales
Kommentar von Nicole Hille-Priebe

Wer nicht dafür ist, ist dagegen
Dass die Emotionen beim Thema Windkraft hoch schlagen, ist bekannt. Wie aufgeheizt die Stimmung vor Ort aber mittlerweile ist, konnte man beim
Stadtgespräch erleben, zu dem der WDR in die Gemeindehalle nach Kirchborchen eingeladen hatte - dorthin also, wo es gerade besonders brodelt.
Im Prinzip verläuft die Diskussion stets ähnlich: Wer nicht für die Windkraft ist, ist dagegen; und damit auch gegen den Fortschritt, gegen die
Energiewende, für Braunkohle und Atomkraftwerke. Es wird polarisiert, was das Zeug hält, anstatt mit Verständnis und Toleranz den Dialog zu suchen. Im
Eifer des Gefechts wird häufig vergessen: Gegen Windkraft sind die wenigsten - warum sollte man auch? - gegen Windkraftanlagen vor der Haustür jedoch
viele.
Wie kann man den Borchener Bürgern schmackhaft machen, dass sie praktisch keinen längeren Spaziergang in der Natur machen können, ohne auf ein
Windrad zu treffen? Dass bei ihnen, obwohl sie bereits 40 Anlagen in der Gemeinde haben, noch einmal so viele gebaut werden sollen? Dass ihre
Gesundheit nicht so wichtig ist wie der Profit der Investoren? Man kann es nicht. Zumal die Betroffenen längst ahnen, dass die steigende Zahl der immer
größer werdenden Windrädern weniger mit ökologischen als mit ökonomischen Interessen zu tun hat.
Es war also klar, dass der Windenergie-"Pionier" Johannes Lackmann an diesem Abend keinen leichten Stand haben würde. Mit seinem Auftritt, seinen
Argumenten und seiner Wortwahl hat er sich jedoch keinen Gefallen getan. Wer einen Bürgermeister, dessen Gemeinde mit 40 bestehenden Anlagen leben
und sich gegen weitere 40 Windräder in Planung wehren muss, als "kleinen König, der keine Windräder will" bezeichnet und die Bürger als "bockig", sucht
nicht Frieden, sondern provoziert. Besonders pikant sind die Borchener Verhältnisse, unter denen es überhaupt zu dieser Situation kommen konnte. Ein
Formfehler bei der Neuaufstellung des Flächennutzungsplans öffnete Lackmann die Tür, sagt der Bürgermeister. Und was man an diesem Abend sonst noch
über die Vorgänge vernehmen konnte, erinnert eher an Drückermethoden als an ostwestfälische Bodenständigkeit.
Borchen ist jedoch nicht allein, in vielen Gemeinden bilden sich Bürgerinitiativen, regt sich der Widerstand. Die Menschen wollen sich ihr Leben und ihre
Heimat nicht länger von Bauwerken zerstören lassen, an deren Sinnhaftigkeit sie nicht mehr glauben können. Bleibt die spannende Frage, wie es im Kreis
Paderborn ganz konkret weitergeht mit den Genehmigungsverfahren für geplante Windkraftanlagen - schließlich soll die Windenergie-Novelle des
Wirtschaftsministeriums ab 2018 zu einschneidenden Veränderungen und einem stärkeren Schutz von Mensch und Natur führen.
Aus dem Münsterland ist zu hören, dass man in einzelnen Windkraftgemeinden nicht auf das neue Gesetz warten will - sondern lieber noch schnell ein paar Projekte durchzieht.

Mittwoch, 29. November 2017

So sehen uns unsere Nachbarn »Gute Nacht, Marie«


»Gute Nacht, Marie«

Windkraft-Bild macht nachdenklich

Zu unserer Berichterstattung über die Auswirkungen der Windkraft auf Lichtenau und die entsprechende Bebilderung (übrigens keine Montage) erreichte die Redaktion folgende Lesermeinung:
Ihr Fotograf Herr Jörn Hannemann hat hier eines der schönsten Fotos aus meiner nächsten Umgebung geschossen. Das Bild gehört eingerahmt. So ‘was Erschreckendes habe ich selten gesehen, hoffentlich sehen das potenzielle Besucher nicht. Die werden einen großen Bogen um diese Gegend machen.
Lichtenau, die Vorzeigestadt der Windenergie – wenn das auch die Meinung des überwiegenden Teils der Bevölkerung ist, dann kann es nur heißen: »Gute Nacht, Marie«.
Rolf-Dieter Albers
Borchen

Donnerstag, 16. November 2017

Windkraftgegner hoffen

Neue Methode zur Lärmmessung könnte Mindestabstand vergrößern

Kreis Paderborn(bel). Windkraftkritiker auch im Kreis Paderborn bekommen neuen Aufwind. Ein Urteil des Verwaltungsgerichts in Düsseldorf bestätigte jetzt in erster Instanz eine neue Methode bei der Errechnung der Schallprognosen für Windkraftanlagen. Mögliche Auswirkungen sind noch offen.
Künftig soll bei den Berechnungen ein so genanntes »Interimsverfahren« angewendet werden. Zentrales Merkmal des Interimsverfahrens ist, dass bei der Berechnung der Schallemission die Bodendämpfung nicht mehr berücksichtigt wird. Das trägt der Entwicklung Rechnung, dass die neuen Windkraftanlagen weitaus höher geworden sind, als dies noch vor Jahren der Fall war.
Das neue Verfahren hat zur Folge, dass in der Regel die Richtwerte nach der Technischen Anweisung (TA) Lärm schneller erreicht werden. Anfang September hatte die Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Immissionsschutz den Ländern empfohlen, diese neue Methode bei Schallprognosen anzuwenden.
Das Verwaltungsgericht Düsseldorf bekräftige in einem Verfahren, dass diese neue Methode auch bei Anlagen angewendet werden sollte, die sich aufgrund eines Widerspruchs noch in einem Genehmigungsverfahren befinden. Voraussichtlich wird sich jetzt ein Oberverwaltungsgericht mit diesem Thema beschäftigen.
Welche konkreten Auswirkungen diese Entwicklung auch auf den Kreis Paderborn haben wird, ist noch offen. Windkraftkritiker fordern zwar in offenen Briefen an den Kreis Paderborn eine sofortige Anwendung, doch der Kreis Paderborn weist darauf hin, dass dieses Verfahren noch nicht verbindlich sei, und es eines entsprechenden Erlasses aus Düsseldorf bedürfe. Ende November wird zu diesem Thema eine Umweltministerkonferenz der Länder stattfinden. Nach Auffassung des Kreises sei dieses Verfahren derzeit nicht anwendbar, auch wenn es eine Empfehlung der Arbeitsgemeinschaft gebe.
Ebenfalls derzeit nicht anwendbar ist nach Auffassung des Kreises eine Prüfung der so genannten »Umfassungswirkung« von Windkraftanlagen. Sie besagt, dass bei einer »Umzingelung« von Dörfern Sicht-Korridore von Windkraftanlagen frei gehalten werden müssen. Dieses Argument wird derzeit insbesondere von der Bürgerinitiative »Gegenwind Borchen« angeführt. Sie hat den Kreis Paderborn aufgefordert, dieses Kriterium anzuwenden. Aber auch hier hatte bereits der Windkraftplaner der Gemeinde Borchen bei der Vorstellung des ersten Entwurfs für den neuen Flächennutzungsplan im August darauf hingewiesen, dass dies derzeit kein »zwingendes Kriterium« sei und derzeit auch keine festen Werte hierfür vorliegen.
Das Kriterium basiert auf einem Gutachten in Mecklenburg-Vorpommern aus dem Jahr 2013, das dieses Kriterium erstmals in einen Plan für Windkraftanlagen im ländlichen Raum einarbeitete. Erste gerichtliche Verfahren hatten seinerzeit den Ansatz für dieses Kriterium bestätigt.

Samstag, 16. September 2017

Ist es nicht so, oder ähnlich beim 95. Flächennutzungsplan in Lichtenau gelaufen?


Jede Eingabe war für die Katz

Beim Ausbau der Windkraft ist Bürgerbeteiligung zur Farce geworden

Zum Ausbau der Windkraft schreibt dieser Leser:
Mit der Bestätigung durch das Regierungspräsidium Detmold hat der 125. Flächennutzungs­plan der Stadt Paderborn nun auch die letzte formale Hürde genommen. Bekanntlich hat die Dahler Wind-Initiative (DaWI) dieses städtische Planungsverfahren über Jahre hinweg kritisch begleitet in der Absicht, den Interessen der betroffenen Anwohner im kommunalpolitischen Entscheidungsprozess Geltung zu verschaffen.
Die ernüchternde Bilanz: Jede der ausführlich begründeten Eingaben war für die Katz; keine einzige argumentative Rückmeldung aus den Reihen der Ratsmitglieder; in der Kommunalverwaltung und Kommunalpolitik ist das Engagement der Bürgerinitiative wirkungslos verpufft.
Das Stadtplanungsamt verfolgt seine windigen Ausbaupläne auch dann noch weiter, wenn die hochsubventionierte Privilegierung der Windkraft als politische Fehlleistung selbst bei Experten nicht mehr in Zweifel steht.
Der Chefberater Michael Ahn vom externen Planungsbüro WoltersPartner verteidigt hartnäckig seine Planungsfehler. In Dahl werden die 1000-Meter-Vorsorgeabstände zur Wohnbebauung nicht eingehalten, sondern deutlich unterschritten. Dennoch werden – Begründungen hin oder her – sämtliche Einwände aus der Bevölkerung gegen das fragwürdige Planungsvorhaben abgewiesen.
Wiederholt lässt sich der juristische Berater Dr. Andre Unland in den Sitzungen des Bauausschusses wortreich über die erhoffte Rechtssicherheit der Flächennutzungsplanung aus, kein Wort aber verliert er über die unbegründete Ungleichheit der Vorsorgeabstände zu Lasten der Dahler Bevölkerung. Da die Wähler-Mehrheiten in der Paderborner Kernstadt wohnen, ist das Interesse der Ratsmitglieder an der städtebaulichen Entwicklung der östlichen Vororte nur schwach ausgeprägt; also stimmen sie (...) allen Vorlagen zu. (...)
Die kritische Bürgerbeteiligung an den städtischen Planungen zum höchst umstrittenen Windkraftausbau in Paderborn ist damit zur Farce geraten. Der Paderborner Kommunalpolitik (...) ist eine stadtplanerische Glanzleistung gelungen: Eine grandiose Verbauung des gesamten Paderborner Ostens mit Windkraftanlagen der Megadimension. Zu besichtigen ist jetzt ein riesiges Windindustriegebiet, das von Lichtenau bis nach Borchen reicht. Mittendrin der »Hotspot Dahl«, der von weit über 100 Windtürmen zugestellt ist. Zu besichtigen ist eine industrielle Verwüstung gewachsener Natur- und Kulturlandschaften, die in Deutschland ihresgleichen sucht. Dennoch soll der technische und politische Aberwitz in den umliegenden Gemeinden fortgesetzt werden (...). Anstatt der Bevölkerung vorweg und endlich einmal eine seriöse Kosten-Nutzen-Bilanzierung vorzulegen – auch auf die »Gefahr« hin, dass der Widerstand gegen eine fehlgeleitete Windindustrialisierung und gegen den Umbau ganzer Gemeinden in Windindustriegebiete weiter wächst. 
Prof. Dr. Jürgen Baur
Paderborn-Dahl

Samstag, 19. August 2017

Das Ende der Goldgräberstimmung II
Hubertus Nolte, 18.08.2017
3 Zahlen wurden in den letzten Tagen von den Windbaronen in ganz Deutschland mit großer Spannung erwartet: der Mindestgebotspreis, der Höchstgebotspreis und der Durchschnittspreis der 2. Ausschreibungsrunde „Windenergie an Land“ der Bundesnetzagentur, deren Angebotsfrist zum 1. August abgelaufen war. Nun hat die Agentur die Zahlen veröffentlicht und ihre Zuschläge bekannt gegeben.


Halbierung der Vergütung – Gewinner sind die Bürgergesellschaften
Die 67 berücksichtigten von 281 insgesamt eingereichten Angeboten ergaben einen durchschnittlichen Vergütungssatz von jetzt


4,28 Cent/kWh

 
der sich damit - bezogen auf den durchschnittlichen Referenzwert der Windhöffigkeit – halbiert hat und wieder sind die sog. „Bürgerenergiegesellschaften“ - speziell wieder im Osten der Republik - die Gewinner dieser Ausschreibungsrunde. 90 % der Zuschläge bzw. 95 % des zugeschlagenen Volumens v on 1.013 Megawatt entfallen auf diese Gesellschaften, von denen auch jetzt wohl die wenigsten eine Baugenehmigung für ihre Projekte vorweisen können.




Massive Auswirkungen

Das Ergebnis wird massive Auswirkungen mit sich bringen: Die mittelständischen Investorengruppen und ihre Bundesverbände werden nun noch lauter Mord und Tod schreien (ihren eigenen?), da
davon auszugehen ist, dass einige der Gewinnerprojekte einer Zockermentalität entstammen, die auf fallende Bezugs- und Betriebskosten und einer steigenden Effizienz der immer größer werdenden Windenergieanlagen setzen – zumal sie ja auch deutlich mehr Zeit zur Umsetzung haben: bis zu 52 Monaten. Ob das aufgehen wird, wird sich zeigen: Schon heute kommen 40-50 % der neu geplanten Projekte nicht mehr durch das aufwendige Genehmigungsverfahren. Wir werden in rund 4 Jahren sehen, wie viele auch von den zugeschlagenen Projekten auf der Strecke bleiben.
Mindestens genauso wichtig wie die inzwischen ja etwas behobene Ungleichberechtigung (die Bürgergesellschaften müssen in den ersten beiden Ausschreibungsrunden 2018 ebenfalls Baugenehmigungen vorweisen – dieses hat der scheidende Bundestag auf Druck der Windlobbyisten im Juli schnell noch gesetzlich geregelt) dürfte für die herkömmlichen Planer und Investoren die massive Vergütungsabwertung sein, schreiben doch die neuen Ausschreibungsregeln vor, das ab jetzt der Höchstsatz für ein Angebotspreis aus dem Durchschnittpreis der ersten beiden Ausschreibungen gilt.
Bei einem Durchschnittspreis von 5,72 Cent/kWh aus der 1. Ausschreibung im Mai und nun 4,27 Cent/kWh ergibt sich ein Höchstpreis für die weiteren Ausschreibungen in Höhe von


                                                            4,99 Cent/kWh

der zukünftig nicht mehr überschritten werden darf. Dieser Wert unterliegt – wie schon im Mai beschrieben - einem Korrekturfaktor je nach Standortqualität (Windhöffigkeit) – siehe nochmal die Grafik der Fachagentur Windenergie an Land:


Abschlag auf den Hochflächen in unserer Region

Die windverwöhnten Projekte auf unseren Hochflächen müssen bei ihrer Kalkulation mit einem Korrekturfaktor zwischen 0,89 und 0,79 rechnen. Dieser Abschlag bedeutet eine zukünftige Höchstvergütung von  

                                                         4,44 – 3,95 Cent / kWh

Bedenken wir, dass zum Jahreswechsel in Betrieb genommene Anlagen noch eine Vergütung von etwa 8,5 Cent/kWh erhalten, so sind es ab jetzt nur noch maximal 50 % davon. Unabhängig von genauen Einzelwerten, Anlagentypen und Standortqualitäten, ist davon auszugehen, dass die neuesten Anlagen (3-4 MW) auf unseren Hochflächen etwa 300.000 bis 400.000 € weniger an Jahresertrag einfahren dürften. Ungeachtet möglicher Auflagen, wie Abschaltzeiten aus Artenschutzgründen und Leistungsreduzierungen aufgrund ihrer Schallemissionen, die zu weiteren Abschlägen führen.
Kein Projekt in Westfalen berücksichtigt
In der 2. Runde wurde nun überhaupt kein Projekt aus unserer Region berücksichtigt, obwohl es inzwischen genehmigte Projekte gibt, die nicht mehr nach dem alten EEG sondern erst in 2017 genehmigt wurden (Bsp. Meerhof, 21 Neuanlagen oder die Einzelanlagen im Widey bei Salzkotten).
Nur 3 Projekte über die Grenzen hinaus (Diemelsee-Flechtdorf in Hessen, bzw. Göttingen und Nienburg/Weser in Niedersachsen) fanden eine Berücksichtigung, keines aber in OWL oder am Sauerland.
Und das ist gut so. Viel zu viele Vorhaben erhielten noch die Weihnachtsgratifikation zum Ende des alten Jahres 2016 und unterliegen damit den enormen Vorzügen des alten EEG und seiner viel zu hohen Vergütungsstruktur.

Millionen zu viel gezahlt?

Die Halbierung der Vergütungssätze – von den Betreibern selber nun nur noch in ihren Angeboten gefordert – zeigt mehr als deutlich, wie sehr hier mit den Vergütungssätzen zum Wohle weniger geaast wurde. Zu Lasten der Stromkostenzahler und damit auch vom Hartz IV – Empfänger oder Bafög-Studenten. Man darf sich gar nicht ausrechnen, wie hoch dieser unnötige Überzahlungsbetrag zu Lasten vieler Bürger allein bei den Windenergieanlagen-Neubauten der letzten 2 Jahre im Kreis Paderborn ausfällt.